Am Wochenende wurde ich mal wieder gefragt, ob ich als Vegetarier nicht Mangelerscheinungen hätte.
Ich fürchte, ich habe bei der Antwort wohl etwas überreagiert, aber Kinners, das hat mich dermaßen aufgeregt!
Ich dachte darüber wären wir hinweg, nachdem das Thema vor 20 Jahren schon breitgetreten wurde (mit dem Ergebnis, dass man natürlich überhaupt keine Mängel hat). Ich habe gedacht, das wäre mittlerweile Allgemeinwissen!?! 
Und dass dieser Kommentar von jemandem kam, den ich eigentlich für informiert gehalten habe und sehr mag, hat mich innerlich aus der Haut fahren lassen (Kopfkino aus
). Das tat mir im Nachhinein total leid. 
Ich habe neulich mehr oder weniger nebenbei entschieden, gar kein Fleisch mehr zu essen.
Ich hatte schon diverse Phasen durch, das erste Mal vegeratisch mit 15 oder so (meine Mutter hat sonntags stets weiter ein Schnitzel für mich gebraten). Das war die Zeit, in der man sich die Infoblätter über Tierversuche durchliest, Stellung gegen Pelz nimmt und Peta kennenlernt. Dann nach und nach wieder normaler Fleischkonsum. Ganz losgelassen hat mich das Thema aber trotzdem nicht.
Vor ein paar Jahren habe ich dann entschieden nur noch Biofleisch zu essen, da zumindest hier die Haltungsbedingungen für die Tiere besser sein mögen. Und weil bio teuer ist und ich als Doktorandin eh unter der Armutsgrenze gelebt habe, ging mein Fleischkonsum sowieso gen Null. (Seitdem ich kochen kann, kenne ich bestimmt 4x so viele fleischlose wie fleischhaltige Rezepte).
Was mich nämlich bei der ganzen Geschichte am meisten abgeschreckt hat, ist die Lebensmittelindustrie von tierischen Erzeugnissen. Die Schweine, die nur als organische Produktionsmaschine in vergitterten Kästen rumliegen können, sich wundliegen, ihre Ferkel nicht berühren können, etc.pp. Man kennt die Bilder. Dass dahinter aber Persönlichkeiten, Charaktere und vor allem: Seelen liegen, geht den "Produzenten" grad mal am Arsch vorbei.
Ähnlich mit Milchviehhaltung, Rindern, Geflügelfarmen und und und.
Ich hab einfach keinen Bock mehr darauf, Teil dieses abartigen Systems zu sein. Von Tag zu Tag widert mich das mehr an. Ja, Fleisch schmeckt mir - aber wofür? Für die 10 min Genuss? Pffft.
Dann der Gedanke: Ich ertrage es ja nicht mal, wenn ein Tier Angst vor mir hat. Nicht meine Degus, nicht Lucky, nicht die Taube in der Fußgängerzone - wie soll ich es dann aushalten, dass ein Tier unter Todesangst getötet wird, damit ich es essen kann, obwohl ich es nicht muss?
Ich habe Jonathan Safron Foer gelesen und freue mich schon auf das Neue von Melanie Joy, die sich aus psychologischer Sicht mit dem schizophrenen System beschäftigt hat, dass wir manche Tiere lieben und tausende von Euros für ihre Gesunderhaltung ausgeben und andere Tiere unter miesesten Umständen gefangen halt, dann umbringen und essen. Bei mir scheint dieses System gerade zu versagen.
Neulich ist mir aufgefallen, dass es in meinem Freundeskreis fast nur Gleichgesinnte gibt - fast alles Vegetarier. Deswegen ist die Fleischlosigkeit überhaupt gar nix besonderes für mich. Ganz im Gegenteil - mir fallen viel eher die Fleischesser auf. 
Immer mehr bekomme ich mit von Leuten, die sich für noch mehr Konsequenz entscheiden und auch auf Milchprodukte aus konventioneller Herstellung verzichten etc. - btw OHNE irgendeinen Mangel zu haben...!
(Und nun braucht mir auch keiner kommen, von wegen, "wo ziehst Du denn die Grenze - kannst Du dann noch über eine Wiese laufen, weil Du eine Ameise töten könntest?" - obwohl, ich bin grad auf Krawall gebürstet, kommt nur alle her mit diesem Gschmarri!
Fakt ist - wo es mir ein leichtes ist, Tod und Schmerz zu vermeiden, sollte ich das auch tun. Sagt Kant und sagt Gott. Sucht euch einen aus.)
Apropos Gott - Fleischkonsum wird von Bibeltreuen häufig damit gerechtfertigt, dass Gott uns die Erde anbefohlen hat, dominium terrae, "macht sie euch zum Untertan" (Gen 1,27-1,28). Damit ist gemeint, dass wir für die Schöpfung Sorge tragen, verantwortlich, fürsorglich sind - sie nicht ausbeuten und erst recht nicht zwangsläufig essen...
Ich sehe das jedenfalls langsam auch so bei mir kommen. Die herkömmliche Milchviehhaltung, finde ich genauso abartig. Momentan ist es aber absolut unmöglich eine Milch zu bekommen, die a) Bio b) entrahmt und c) laktosefrei ist. Also muss ich immer bei mind. einem der drei Punkte Zugeständnisse machen.
Daher ist es z.B.auch mein großer Wunsch, wenn ich mal zu meinem Schatz aufs Land ziehen sollte, ein paar Hühner selbst zu halten, mich um sie zu kümmern und so die Eierindustrie gleich auch zu umgehen.
Ein Satz, den neulich eine Freundin zu mir gesagt hat, hat mich nachhaltig beschäftigt:
"Wenn wir Tiere essen, nehmen wir auch ihr Leid in uns auf."
Sie meinte das ganz handfest im Hinblick auf Stresshormonen, Antibiotika, etc.
Ich hab es anders verstanden. Ich habe es transzendent verstanden, dass ich ihr Leid in meinen Körper mitaufnehme. Und ganz ehrlich: Ich leb lieber ohne.